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Biebrich und Wiesbaden: Zwei Städte wachsen zusammen
Dr. Andreas Schmidt-von Rhein
Wiesbaden und Biebrich weisen eine sehr lange gemeinsame Geschichte auf, die sich bis vor etwa 250 Jahren durch eine eher lose Verbindung auszeichnete. Die Verlegung des nassauischen Residenz- und
Regierungssitzes nach Biebrich und Wiesbaden rückte dagegen um die Mitte des 18. Jahrhunderts beide Städte in den politischen Mittelpunkt des südnassauischen Herrschaftsgebiets. Dieser
Aufwertung folgte ein rasantes Wachstum beider Städte im 19. Jahrhundert, ausgelöst durch die Industrialisierung Biebrichs und die Entwicklung des Kurbetriebes, der Wiesbaden mit seinen
heißen Quellen die Bezeichnung "Weltkurstadt" einbrachte. Die Folge dieser Entwicklungen war aber nicht nur ein räumliches, sondern auch ein kommunalpolitisches Zusammenwachsen,
mußten doch beispielweise Fragen der Stadtentwicklung, der Energie- und Wasserversorgung oder des Verkehrs zunehmend in gegenseitiger Abstimmung oder gar gemeinsam gelöst werden. Dieser
Prozeß, im vergangenen Jahrhundert begleitet von einer deutlichen Machtverschiebung von Biebrich nach Wiesbaden, führte in Konsequenz zur Eingemeindung Biebrichs am 1. Oktober 1926.
Die Frühzeit
Die gemeinsame Geschichte reicht bis in die Altsteinzeit zurück (ab ca. 80.000 v. Ch.), als sich nach dem Ende der Eiszeit das heutige Rhein-Main-Gebiet geographisch formte und die ersten
Jäger, den Tierherden folgend, nachweislich unsere Gegend durchstreiften. Erst die Menschen der Jungsteinzeit (ca. 5.000 - 2.000 v. Ch.) wurden als Ackerbauer und Viehzüchter seßhaft.
Die günstige Uferlage mit ihren fruchtbaren Loßböden und der Schutz des Taunus gegen die rauhen Nordwinde sorgten dafür, daß die Gegend bereits frühzeitig besiedelt
wurde. Nach bisherigen Forschungen befand sich die erste größere Siedlung auf dem breiten Höhenrücken zwischen Mosbach- und Salzbachtal, zwischen Waldstraße und
Adolfshöhe. Die Funde lassen vermuten, daß es sich um ein befestigtes Dorf der Bandkeramiker mit etwa 100 Einwohnern handelte. Für die folgenden Jahrhunderte dokumentieren zahlreiche
Funde eine ständige Besiedlung bis zur Römerzeit. So weisen bereits die Grabfunde aus der Bronzezeit auf eine lockere, aber durchgängige Besiedlung der heutigen Gebiete Wiesbaden-Stadt
und Biebrich hin.
Römer, Alemannen und Franken
Mit der Eroberung durch die Römer erhielt die Gegend um die Zeitenwende eine erste, überregionale, militärstrategische Bedeutung. Durch die Entscheidung des Kaisers Tiberius im
Jahre 16 n. Ch., wegen hoher Verluste in den Schlachten mit den Germanen auf weitere rechtsrheinische Eroberungen zu verzichten, übernahm das Wiesbadener Gebiet, und hier insbesondere Kastel,
die Funktion eines militärischen Vorpostens. Es sollte das Vorland der großen Festung Mainz sichern, die damals das Rückgrat der Grenzverteidigung am Mittelrhein bildete. Im Jahr 40
n. Ch. unternahm Caligula einen rechtsrheinischen Vorstoß, der eine bessere Absicherung des Vorlandes bezweckte und in dessen Folge eine Reihe von Kastellen errichtet wurde, darunter das erste
römische Kastel auf Wiesbadener Boden (Mauritiusplatz), das später auf den Heidenberg verlegt wurde (etwa auf dem Gelände der freien Kunstschule, dem ehemaligen Städtischen
Krankenhaus). Außerhalb der Kastelle entstanden auf Wiesbadener Boden ausgedehnte Thermen, die als "Aquae Mattiacae" ("an den (Heil)Wassern der Mattiaker") bezeichnet wurden. Im Umkreis der
Badeanlagen befanden sich zivile Siedlungen und Gutshöfe (villae rusticae). Letztere wurden auf Landgütern errichtet, die Rom ausgedienten Soldaten zur Verfügung stellte. So
können beispielsweise in Biebrich heute drei Gutshöfe (in der Albertstraße, am Gräselberg und in der Nähe des Kallebads) nachgewiesen werden. Nachdem allerdings den Germanen
233 n. Chr. der Durchbruch am Limes gelang, wurde die rechtsrheinische Herrschaft der Römer zunehmend unsicherer. Um 259/260 n. Chr. mußte schließlich das Limesgebiet aufgegeben
werden. Der Brückenkopf Kastel (Castellum Mattiacorum) konnte jedoch gehalten werden, wodurch das Wiesbadener "Vorland" zusätzliche Bedeutung erlangte. Dies zeigt sich auch anhand der rund
hundert Jahre später errichteten Heidemauer (369 n. Chr.). Sie wurde im Zuge einer letzten großen römischen Anstrengung zur Verstärkung des rechtsrheinischen Brückenkopfs
gebaut und war wohl als Nordwand eines großen Kastells geplant. Offensichtlich in großer Eile und Bedrängnis erstellten die Römer eine etwa 500 m lange, ca. 2,50 m starke
Steinmauer, dabei rücksichtslos das Badeviertel durchschneidend und als Baumaterial die Reste umliegender Gebäude verwendend. Die Heidenmauer verlief vom Schulberg über das heutige
Römertor, das Kurier-Haus und die ehemalige Wilhelmsheilanstalt bis etwa zum Chor der Marktkirche auf dem Schloßplatz. Die römische Rheingrenze ließ sich allerdings nur noch 40
Jahre halten, sie fiel um 400 n. Chr.
Auf dem nun römerfreien rechtsrheinischen Gebiet übernahmen für kurze Zeit die Alemannen die Vorherrschaft. Sie wurden jedoch bereits 496 n. Chr. am Oberrhein durch die
nachrückenden Franken entscheidend geschlagen. In der Wiesbadener Gegend setzte mit Beginn der Frankenzeit eine relativ dichte Besiedlung durch Einzelgehöfte ein, wobei die Franken - wie
zuvor auch schon die Alemannen - die römischen Gutshöfe weitgehend mieden. Sowohl für die Alemannen- als auch für die Frankenzeit lassen sich zahlreiche Grabfunde nachweisen, so
z. B. im Waldstraßengebiet. Insbesondere das Frankengrab an der Waldstraße ist wegen seines Reichtums an Grabbeigaben bekannt geworden, wahrscheinlich handelte es sich dort um einen
Adelssitz.
Der Königssondergau im Mittelalter
Vermutlich zum Beginn der Herrschaft Karls des Großen (nach 771) wurde das Wiesbadener Gebiet zum Königssondergau mit Wiesbaden als Mittelpunkt. Der Gau erstreckte sich von der Walluf
im Westen bis zur Kriftel im Osten, und vom Rhein-Main Verlauf im Süden bis zum Taunuskamm im Norden. Den Königssondergau betrachtete der fränkische König als "Privatbesitz", und
die von den Bewohnern zu leistenden Abgaben dienten zur Finanzierung des Hofstaats. Dieses Gauland wurde auch für Schenkungen an Personen verwendet, die sich um das Reich bzw. um den König
besonders verdient gemacht hatten. Die Verwaltung des Königssondergaus oblag dem Gaugrafen, dessen königlicher Wirtschaftshof (curtis) - wohl wegen der Nähe zur Heidenmauer - in der
Nähe des neuen Stadtschlosses (Hessischer Landtag) errichtet wurde. In dieser möglicherweise unbefestigten Anlage übernachtete Einhard, der Biograph Karls des Großen, im Jahre
829 auf der Reise von Seligenstadt nach Aachen. In seinem Reisebericht wird zum ersten Mal der neue Stadtname "Wisibada" ("Bad in den Wiesen") erwähnt. Später, in ottonischer Zeit (9./10.
Jahrhundert), entstand an der Stelle des Wirtschaftshofs ein mächtiger Wohnturm (castrum, Turmburg), der im Mittelalter zu einer Burganlage ausgebaut wurde. Die Wiesbadener Bevölkerung
siedelte sich jedoch nicht am Königshof, sondern, räumlich getrennt, in der Gegend des heutigen Mauritiusplatzes an der alten Mauritiuskirche an.
Neben dem Königssitz Wiesbaden umfaßte der Königssondergau 15 Orte, zu denen auch Biebrich ("biburc") und Mosbach ("moskebach") gehörten. Damit war die grundlegende
Gebietsstruktur für die nachfolgenden Jahrhunderte vorgegeben, und die Geschichte Wiesbadens verknüpfte sich seitdem enger mit der von Biebrich und Mosbach. Während zu Zeiten Karls des
Großen dieser Königssondergau noch eine geschlossene Einheit bildete, gab es im 9. Jahrhundert eine Reihe von Schenkungen an Kirche und Adel, wobei Kaiser Otto III. Biebrich und Mosbach
991 an das Kloster Selz im Elsaß schenkte.
Das Dorf Biebrich (villa biburc) wurde erstmals schon 874 in den Fuldaer Jahrbüchern erwähnt, nach denen König Ludwig der Deutsche, von Frankfurt kommend, in Biebrich die Schiffe
bestieg und zur Pfalz nach Aachen weiterreiste. Der Name "biburc", der im Sinn einer "Umwallung" oder eines "eingezäumten Grundstücks" zu verstehen ist, weist auf eine vorgeschichtliche
oder römische Befestigung hin.
Obwohl Biebrich und Mosbach bis 1882 zwei eigenständige Gemeinden bildeten, war die Geschichte beider Orte schon seit der karolingischen Zeit aufs engste miteinander verknüpft. Die
geringe räumliche Entfernung von weniger als einem Kilometer begünstigte frühzeitig die Entwicklung eines einheitlichen Gemeinwesens, wobei Mosbach für lange Zeit der dominante
von beiden Orten war. So war z. B. die 1085 erstmals urkundlich erwähnte Mosbacher Kirche für viele Jahrhunderte die einzige und gemeinsame Pfarrkirche für beide Orte, was Biebrich und
Mosbach als im kirchlichen Sinne zusamengehörig auswies. Ein Beispiel für das weltliche Gemeinwesen ist das 1613 erstmals erwähnte Mosbacher Rathaus, das die für beide Orte
gemeinsame Gemeindeverwaltung, das Gericht und das Gefängnis beherbergte.
Neben kirchlichen Schenkungen, wie sie dem Kloster Selz zugute kamen, hielten auch Adlige Rechte an Grund, Boden oder Höfen des Königssondergaus, die gegenüber dem Königshaus -
insbesondere seit der Zeit der Merowinger - an Macht und Selbstständigkeit gewonnen hatte. So erklärt sich, daß zwar einerseits die königlichen Höfe und einiger Grundbesitz
in Biebrich und Mosbach dem Kloster gehörten, die Grafen als Landherren zugleich jedoch eigene Besitzungen und eigene Rechte (Grafenrechte) innehielten. In diesem Zusammenhang rückten die
Nassauer Grafen in den Mittelpunkt, für die sich bereits im 12. Jahrhundert Grafenrechte in und um Wiesbaden nachweisen lassen. Das Kloster Selz gab 1275 die ihm einstmals geschenkten
königlichen Besitzungen Biebrich und Mosbach vermutlich aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen an das Kloster Eberbach in Erbpacht. Sie wurden schon kurze Zeit später (1296) von
König Adolf von Nassau erworben, um sie dem von ihm neugegründeten Kloster Clarenthal zu schenken. Abgesehen von diesen Besitzungen gehörten die Orte Mosbach und Biebrich zu diesem
Zeitpunkt aber schon längst zur nassauischen Herrschaft Wiesbaden. Bereits 1559 wurde das Kloster Clarenthal säkularisiert, wodurch das Grafenhaus Nassau auch in den Besitz der Biebricher
bzw. Mosbacher Güter und Liegenschaften des Klosters gelangte.
In Wiesbaden war der ehemalige Königshof auf dem Gelände des heutigen Schloß- und Marktplatzes schon zu karolingischer Zeit zu einer Burganlange ausgebaut worden. Daran schlossen
sich zwei Bezirke an, westlich der "Flecken" als Wohnbezirk, und, durch die Heidenmauer bis auf einen Durchlaß ("Heidenpforte") getrennt, der Badebezirk mit seinen heißen Quellen auf dem
damals noch sumpfigen Gelände des Sauerlandes. Das ehemals abseits gelegene Siedlungsgebiet um die Mauritiuskirche war in den "Flecken" einbezogen, und den gesamten Komplex umgab eine
Stadtmauer. Dagegen waren Mosbach und Biebrich Ende des 14. Jahrhunderts wohl lediglich umzäunt, mit Gräben befestigt und hatten Falltore als Stadteingänge und -ausgänge. Das an
der Bachgasse gelegene Mosbach bestand zu dieser Zeit aus einer Ober- und Untergasse mit einigen Querstraßen. Die Gibb ("uf den kip" = "auf der Spitze", "auf dem Gipfel") am oberen westlichen
Ende Mosbachs läßt sich schon 1312 belegen. Ähnlich verhielt es sich in Biebrich, das sich in eine Obergasse (heute Elisabethenstraße), eine Untergasse (Am Schloßpark),
einige Querstraßen und einige Häuser am Rhein gliederte.
Der Dreißigjährige Krieg
Der Dreißigjährige Krieg stellte eine Zäsur für alle Orte dar. Aufgrund der Nähe zum mächtigen Mainz wurde das Rhein-Main-Gebiet besonders hart und häufig von
durchziehenden Truppen heimgesucht. Viele Gebäude wurden zerstört, das Land verwüstet, zahlreiche Anwesen verödeten. Nach 30 Jahren Kriegszeit lebten in Biebrich und Mosbach nur
noch ca. 150 Einwohner (d. h. 1/4 der Vorkriegsbevölkerung), in Wiesbaden nur noch etwa 80 Einwohner. Nahezu grotesk mutet heute in diesem Zusammenhang der Plan des Grafen Johann von
Nassau-Idstein im Jahre 1656 an, den Salzbach vom Rhein bis nach Wiesbaden als Schiffahrtsstraße auszubauen, um den Handel wieder auf die Beine zu helfen.
Die Zeiten nach dem Westfälischen Frieden 1648 waren allerdings alles andere als friedlich. Fast jede Generation wurde von Kriegen betroffen, nicht zuletzt auch wieder wegen der unmittelbaren
Nachbarschaft des mächtigen Mainz. Erst 1815, nach dem Ende der napoleonischen Befreiungskriege, kehrte für längere Zeit Frieden in Nassau ein. Dennoch wurden gerade in dieser
unruhigen Zeit der Grundstein für eine engere Beziehung zwischen Biebrich/Mosbach und Wiesbaden gelegt und die Machtpositionen neu verteilt.
Zunächst forcierte Graf Georg August Samuel von Nassau-Idstein (seit 1688 Fürst) den Wiederaufbau von Wiesbaden, wofür er Neusiedlungen mit kostenlosem Baugrund, Baumaterial und
Steuererleichterungen lockte. Nach dessen Kriegserfahrungen verwundert es kaum, daß er 1691 auch den Ausbau und die Erneuerung der Stadtmauer veranlaßte, die ein halbes Jahrhundert
andauern sollten.
Residenzstadt Biebrich
Ende des 17. Jahrhunderts waren die schlimmsten Folgen des Dreißigjährigen Krieges überwunden, und die Einkünfte der Landesherren nahmen wieder zu. Unter den Herrschern
verbreitete sich das barocke Selbstverständnis, fürstliche Repräsentation durch außerstädtische Sommerresidenzen und weitläufige Barockgärten auszustrahlen. Vor
diesem Hintergrund werden die Renovierung des alten Wiesbadener Stadtschloßes (1695/86) sowie die herrliche Lage am Rhein den Fürsten wohl auf Biebrich als Residenzstandort gelenkt haben,
zumal die Fürstengattin mit ihrem traditionellen Recht auf Nutzung des Adelheidhofes in Biebrich die bevorzugte Lage ohnehin kennen mußte. Somit begann im Jahre 1700 der
planmäßige Erwerb von Grundstücken durch Fürst Georg August zum Bau des Biebricher Schloßes. Eine ständige Residenz war ursprünglich nicht geplant, sondern das
anfängliche Gartenhaus wurde erst nach und nach zu einem dreiflügeligen Barockschloß ausgebaut. Folglich verlegte der Fürst zunächst nur seine Sommerresidenz in das anfangs
noch nicht winterfeste Biebricher Schloß.
Bis heute für die Entwicklung der Region entscheidend war das Jahr 1744, indem die Erweiterungsarbeiten am Schloß beendet wurden. In diesem Jahr verlegte der Nachfolger des 1721
verstorbenen Fürsten Georg August, Fürst Karl von Nassau-Usingen, seine Residenz endgültig von Usingen nach Biebrich. Aus Platzmangel brachte der Fürst, der sich schon vorher
gerne in Biebrich aufhielt, die Regierung in dem damals verschlafenen Landstädtchen Wiesbaden unter. Als Verbindungsstraße zwischen Residenz und Regierungssitz wurde kurze Zeit später
die "Mosbacher Straße" (die heutige Biebricher Alle) angelegt (1749-52). Es handelte sich damals um einen breiten Feldweg, den vor allen fürstliche Dienstleute nutzten, der aber nur wenige
Wiesbadener Badegäste zu einem Ausflug nach Biebrich lockte.
Die ländliche Wiesbadener Bevölkerung, so wird aus dieser Zeit berichtet, hatte zunächst "keine sonderliche Freude" daran, Haupstädter zu werden, da dadurch "...die
Häuser und das Holz immer teurer werden." Diese Neigung, lieber unter sich bleiben zu wollen, scheint auch noch ein halbes Jahrhundert später vorherrschend gewesen zu sein. Wiesbaden
war um 1800 ein kleiner Ort mit ca. 2200 Einwohnern und vorwiegend ländlicher Prägung, noch immer von einer Stadtmauer umgeben. Trotz dem Aufschwung des Kurbetriebs und der Zulassung des
Glücksspiels war Wiesbaden nur ein "bescheidenes Städtchen", und bis auf die Badehäuser besaß der Ort wenig Anziehungskraft. So mußte der Anstoß für eine
Änderung von außen kommen.
Das Jahr 1803 bildete den Auftakt für diese entscheidende Änderung. Zum einen erhielten die beiden Fürstentümer Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg im Zuge der
Säkularisation Gebiete von den aufgelösten kirchlichen Kurfürstentümern in Mainz, Trier und Köln. Zum anderen beabsichtigte Napoleon, mit dem Deutschen Rheinbund ein
franzosenfreundliches Gremium der verbliebenen deutschen Landesfürsten einzurichten. Um auch den unwilligen Fürst Friedrich August von Nassau-Usingen zum Beitritt zu bewegen, reiste
Napoleon 1806 nach Biebrich. Obwohl Friedrich August Krankheit vortäuschte, drang Napoleon bis in sein Zimmer vor und setzte den Beitrtitt Nassaus durch. Napoleons Dank für das
Beitrittsversprechen war, wie für viele andere deutsche Fürsten auch, eine Rangerhöhung zum Herzog: Das Herzogtum Nassau war geboren.
Biebrich und Nassau im Herzogtum Nassau
Entscheidend für die weitere Entwicklung des Herzogtums war jedoch, daß sich noch im gleichen Jahr angesichts eines sohnlosen Herzogs Friedrich August die Usinger und Weilburger Linien
der Nassauer vereinigten. Gleichzeitig mußten für das neue Staatsgebilde eine einheitliche Verwaltung und Gesetztgebung aufgebaut werden, die unter dem Druck Napoleons nach dem Vorbild
Frankreichs von umfangreichen Verwaltungs- und Sozialreformen begleitet wurden. Diese neue politische Situation wirkte Anfang des 19. Jahrhunderts wie eine Initialzündung für die weitere
Stadtentwicklung. Das bisherige Stadtgebiet Wiesbaden war viel zu klein für die vielen neuen Ämter und für den Wohnungsbedarf der zusätzlichen Beamten. Die bedeutungslos gewordene
Stadtmauer begann zu fallen, eine umfangreiche Stadterweiterung setzte ein. Schon 1808 wurde in Wiesbaden eine Chaussee- und Uferbaukommission unter der Leitung von Christian Zais einberufen.
Zeitgleich wurde das (alte) Kurhaus errichtet (1808-10), die bisherige Mosbacher Straße (heutige Biebricher Allee) vom Feldweg zur Chaussee ausgebaut (1808) und die "Wiesbadener Straße"
zwischen Biebrich und Mosbach angelegt; beide Orte lagen damals noch rund 500m auseinander. Zahlreiche Bauten und Straßen folgten. 1837-41 entstand das neue Wiesbadener Stadtschloß (heute
der Hessische Landtag) und wurde 1841 von Herzog Adolph von Nassau bezogen. Biebrich war, wie hundert Jahre zuvor, nur noch Sommerresidenz.
Während Wiesbaden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen deutlichen städtebaulichen Aufschwung nahm, verbunden mit einer eindrucksvollen Steigerung des Kurbetriebs, begann
die entscheidende Entwicklung Biebrichs erst nach dieser Zeit mit Beginn der Industrialisierung. Zu dieser Zeit wurde sich Wiesbaden zusehends seines Potentials als Kurort bewußt und baute dies
nun konsequent aus, wogegen für Biebrich die Rheinuferlage zum entscheidenden Faktor wurde. Es entstanden eine Reihe von Industriewerken (Zigarrenindustrie ab 1841, Rheinhütte 1857,
Chemische Werke Albert 1858, Kalle & Co. 1963, Dyckerhoff 1864 usw.), die zahlreiche Menschen aus ärmeren Gegenden anzogen und ab ca. 1850 die Orte Biebrich und Mosbach rasch aufeinander
zuwachsen ließen. Um den Residenzort Biebrich möglichst wenig durch Lärm und Gestank zu belästigen, drängte die Herzogsfamilie die Unternehmen zur Ansiedlung auf
Nachbargemarkungen, insbesondere in Amöneburg. Damals noch nicht absehbar, entwickelte sich aus dieser Einflußnahme jedoch eine der Hauptursachen für die späteren
wirtschaftlichen Probleme Biebrichs.
Das bisherige stets größere Mosbach verlor nun im Vergleich zu Biebrich rasch an Bedeutung. 1866 war Biebrich nach Wiesbaden bereits die zweitgrößte Gemeinde im gesamten
Herzogtum. 1876 baute man das neue Rathaus der Doppelgemeinde genau auf der Gemarkungsgrenze zwischen beiden Orten, bewußt als Zeichen der damals noch fast gleichrangigen Stellung. Beide Orte
waren zu dieser Zeit schon so weit zusammengewachsen, daß sie sich nur sechs Jahre später auch offiziell zur Stadt Biebrich-Mosbach zusammenschlossen. Doch in der Folgezeit gewann Biebrich
durch Schloß, Rheinverkehr, Industrie und Kaserne eine derartige Dominanz, daß 1893 der Name Mosbach aus der Stadtbezeichnung genommen wurde, nachdem selbst im öffentlichen
Verkehrsleben fast nur noch der Name Biebrich gebräuchlich war.
Aufschwung um die Jahrhundertwende
1866 verlor Österreich den Krieg gegen Preußen. Die eigenmächtige Entscheidung von Herzog Adolph und seiner Regierung, ohne Zustimmung des Landtags in den Krieg zugunsten
Österreichs einzutreten, leitete das Ende des Herzogtums Nassau ein. Nassau wurde vom Königreich Preußen annektiert. Der schon im Herzogtum Nassau lebhaften Entwicklung Wiesbadens tat
dies allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil setzte eine geradezu stürmische Entwicklung ein, die bekanntermaßen auch durch das Wohlwollen des preußischen Königshauses (ab 1871
Kaiserhaus) stark begünstigt wurde. Vor allem Kaiser Wilhelm II., jährlicher Besucher in Wiesbaden, nahm nicht nur regen Anteil an der Entwicklung der Stadt, sondern griff auch wiederholt
in diese ein (Neubau des Theaters, Kurhauses und Hauptbahnhofes).
Biebrich versuchte in dieser Zeit mit der rasanten Entwicklung Wiesbadens Schritt zu halten. Die schnelle Bevölkerungszunahme (1852: 4.144, 1875: 7.699, 1895: 12.292, 1910: 21.199 Einwohner)
erforderte jedoch auch einen permanenten Ausbau der Infrastruktur und führte zu erheblichen Soziallasten, denen Biebrich schon um 1900 kaum noch gewachsen war. Jetzt rächte sich, daß
die großen steuerzahlenden Industriebetriebe hauptsächlich außerhalb der Biebricher Gemarkung lagen, die meisten Arbeiter jedoch in Biebrich wohnten und dem Gemeinwesen hohe Kosten
verursachten. Vor diesem Hintergrund begann schon 1895 die Diskussion um die Eingemeindung nach Wiesbaden, die sich insgesamt über 30 Jahre hinziehen sollte. Als Thematik, die unmittelbar das
Anliegen dieses Buches berührt, soll auf die Eingemeindungsfrage etwas ausführlicher eingegangen werden.
Die Eingemeindungsfrage
Ende des vergangenen Jahrhunderts wendete Biebrich erhebliche finanzielle Beträge für den Ausbau der Infrastruktur des Gemeinwesens auf. Dabei gelang es Biebrich zunächst durchaus,
mit Wiesbaden im wesentlichen Schritt zu halten. Hierzu trug auch das wirtschaftlich erfolgreiche erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bei.
Auf der anderen Seite wuchsen Wiesbaden und Biebrich jetzt in raschem Tempo räumlich zusammen. Die Verkehrsverbindungen zwischen beiden Städten wurden immer dichter. Schon die erste
Bahnstrecke Wiesbaden-Frankfurt (1840) führte über den Bahnhof Curve (in der Nähe des heutigen Bahnhofs Wiesbaden-Ost), über den Biebrich mit einer Abzweigung angeschlossen war.
1856 hielten dann auch Züge aus Wiesbaden am Bahnhof Mosbach (heute Bahnhof Biebrich/West) auf der Strecke nach Rüdesheim. 1889 fuhr die erste Dampfstraßenbahn über die
Biebricher Allee zum Rheinufer, ab 1900 als elektrische Straßenbahn. 1906 wurde der Wiesbadener Hauptbahnhof eröffnet, der 600 m näher in Biebricher Richtung als die alten
Bahnhöfe (an der unteren Rheinstraße) lag.
Ab ca. 1897 entstanden innerhalb nur weniger Jahre die Villengegend Adolfshöhe und das Waldstraßengebiet als neue Stadtteile, die Wiesbaden und Biebrich nun auch baulich miteinander
verbanden. Beide Wohngebiete erhielten kurz nach der Jahrhundertwende ebenfalls ihre "Hausbahnhöfe", den Bahnhof Landesdenkmal und den Bahnhof Waldstraße.
Durch diese Entwicklungen entstand für Biebrich innerhalb nur weniger Jahrzehnte ein schwieriger Konflikt. Die kommunale Selbstständigkeit, aus jahrhundertelanger Tradition eine
Selbstverständlichkeit, war nicht mehr wie in der Vergangenheit gegen verhältnismäßig geringe Kosten aufrechtzuerhalten. Die doch recht einfache Infrastruktur der ländlichen
Dörfer Biebrich und Mosbach war längst den Ansprüchen einer mündigen Stadtbevölkerung gewichen. Der Preis einer drückenden Kostenlast, zu der die Wahrung des Gutes
"Selbstständigkeit" zunehmend führte, mußte aber gleichzeitig angesichts der so rasch zusammenwachsenden Städte immer fragwürdiger erscheinen.
So verwundert es nicht, daß bereits 1895 der damalige Biebricher Oberbürgermeister Rudolf Vogt, gerade drei Jahre im Amt, die Vereiningung Wiesbadens mit Biebrich als wünschenswert
bezeichnete. Biebrich tendiere nach Wiesbaden, ein Großteil der Bevölkerung kaufe dort ein. Man habe auch Lasten für Wiesbaden zu tragen, wie für die Backsteinmacherkolonne an
der Waldstraße. In der Kurstadt Wiesbaden zeigte man jedoch kein Interesse, mitten in der florierenden eigenen Entwicklung die "Industrie- und Arbeiterstadt" Biebrich aufzunehmen. Wiesbaden
sollte sich vielmehr als reine Kur- und Gartenstadt weiterentwickeln. Die ablehnende Haltung Wiesbadens machte Oberbürgermeister Carl von Ibell mit folgenden Worten deutlich: "Es gibt
Städte und Orte, wo jeder neue Fabrikschornstein mit Freufe begrüßt wird, es gibt aber auch Städte, wohin sich die Menschen aus diesen schornsteinreichen und rauchgefüllten
Gegenden zur Erholung, zur Ruhe und zum Genuß schöner Luft zurückziehen!". Die Sache verlief im Sand.
Im Dezember 1910 trat der Bezirksverein Adolfshöhe, eine Bürgervereinigung dieses Stadtteils, mit einer eigenen Denkschrift für die Eingemeindung nicht nur an die Gremien beider
Städte, sondern auch an den Wiesbadener Regierungspräsidenten heran. Eine Eingemeindung Biebrichs nach Wiesbaden dränge. In Biebrich seien Verkehr und Handel stark nach Wiesbaden
orientiert. Wiesbaden könne durch die Eingemeindung eine großzügigere Boden- und Baupolitik betreiben und Gartenstädte ringsum anlegen. Nur so sei der dringend benötigte,
wohlhabende Mittelstand zu gewinnen, den auch ein "Wiesbaden am Rhein" anlocken werde. Auch wurde Wiebaden vorgeworfen, keine Anstalten zu machen, die Eingemeindungsfrage von sich aus anzugehen.
Der Regierungspräsident forderte beide Städte im Januar 1911 offiziell zu einer Stellungnahme auf. Die Position von Biebrichs Oberbürgermeister Vogt war erwartungsgemäß
klar, er machte die vom Bezirksverein wieder aufgeworfene Eingemeindungsfrage und dessen eindeutige Bejahung zu der offiziellen Position Biebrichs. Im März 1912 veröffentlichte Biebrich
eine 37-seitige Denkschrift an den Regierungspräsidenten. Es sei richtig, "...daß im Falle frühzeitiger Eingemeindung Biebrich's die Entwicklung der Stadt Wiesbaden noch viel
großzügiger hätte erfolgen können, und daß so manche Fragen sich hätten besser und billiger lösen lassen..." Weitere Schädigungen ließen sich nur
vermeiden, "wenn die Eingemeindungsfrage möglichst schnell gelöst wird: finanzielle, wirtschaftliche, soziale Rücksichten und schließlich auch eine moralische Verpflichtung
der Stadt Wiesbaden gegen Biebrich fordern sie". Diese Position wird anschließend, unter ausführlicher Diskussion der Vor- und Nachteile für beide Städte begründet. So
sehr auch die Position Biebrichs inhaltlich berechtigt erscheint, darf doch nicht übersehen werden, daß sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt schon in einer schwierigen finanziellen Lage
befand und deshalb auch ihren Bürgern eine wesentlich höhere Steuerbelastung als Wiesbaden auferlegen mußte. Dies war damals wohl gleichzeitig das Hauptbedenken von Wiesbadener Seite,
da bei einer Eingemeindung möglicherweise eine Steuererhöhung notwendig gewesen wäre. Als Wiesbaden dann im Juli 1913 schließlich zur Einberufung einer Kommission bereit war, gab
es diesmal Bedenken in Biebrich. Die finanzielle Lage hatte sich dort etwas gebessert, wogegen das Expose Wiesbadens über die Entwicklung seiner Steuerverhältnisse ungünstig wirkte.
Anfang 1914 drängte Vogt jedoch wieder auf eine baldige Eingemeindung. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte dann aber zunächst weitere Verhandlungen.
Der Erste Weltkrieg war für die noch immer einseitig auf Kurbetrieb ausgerichtete Stadt Wiesbaden eine Katastrophe. Die Zahl der Kurgäste reduzierte sich schlagartig auf die Hälfte,
die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich rapide. Mit den Kriegserfahrungen änderte sich auch die grundlegende Einstellung Wiesbadens zur Eingemeindungsfrage. Im Herbst 1917 beschloß
der Magistrat daher die Aufnahme von Gesprächen mit einer Reihe von angrenzenden Gemeinden, darunter auch Biebrich. Nach langwierigen Verhandlungen stimmten im Dezember 1923 endlich beide
Stadtverordnetenversammlungen dem Eingemeindungsvertrag zu. Nach einigen letzten Irritationen wurde schließlich die Eingemeindung durch ein Gesetz des Preußischen Landtags zum 1. Oktober
vollzogen.
Biebrich war zu diesem Zeitpunkt finanziell am Ende. Die hohen Belastungen durch die Bewohner, die in den Fabriken vor den Toren der Stadt arbeiteten, die gleichzeitig geringen Steuereinnahmen,
die trostlose wirtschaftliche Lage mit der hohen Zahl von Arbeitslosen, die Inflation 1923 und die Besatzung durch die Franzosen, die Handel und Verkehr vom übrigen Reich abtrennten,
mußten die Stadt hoffnungslos überfordern. Eine Lösung aus eigener Kraft war, auch rückblickend, unmöglich.
Mit der Eingemeindung Biebrichs nach Wiesbaden war das formelle Zusammenwachsen beider Städte vollzogen, das innere Verhältnis zueinander aber natürlich noch nicht gefunden. Der
Frage nach dem damaligen und heutigen Verhältnis von Biebrich und Wiesbaden und dem oben kurz umrissenen Prozeß ihrers Zusammenwachsens gehen die folgenden Textbeiträge nach. Sie
beschreiben einen Gang von Biebrich nach Wiesbaden, der, beim Schloß Biebrich beginnend, über die Adolfshöhe und das Stadtschloß in Wiesbaden bis zum Jagdschloß Platte
führt, und anhand der für beide Orte wichtigen Objekte und Themen die Verbindung zwischen Biebrich und Wiesbaden erklären soll.
Historische Eckdaten
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